#03 - Einer in 20 Jahren


Wir schreiben das Jahr 2004.
Ich bin gerade damit beschäftigt, von Ostfriesland nach Wuppertal zu ziehen. Da erhalte ich einen Anruf von meiner Mom: „Sylvi, ich muss dir was sagen.“ Ohhh, diesen Satz kenne ich sehr gut. Wenn sie so anfängt, gibt es schlimme Nachrichten. „Dominik hatte einen Unfall. Er hat sich das Genick gebrochen.“ …

NAME: Dominik
ALTER BEI VERLETZUNG: 20 Jahre
DIAGNOSE: Genickbruch (C5 & C6) und rettende Jefferson-Fraktur (C1)

Ich erinnere mich nur noch dunkel an das Telefonat. Einige Fragmente habe ich abgespeichert. Es war ein Badeunfall. Seine Kumpels haben sich sofort richtig verhalten, ihn stillgelegt und einen Notarzt gerufen. Eine erste OP hatte er bereits hinter sich. Die war Gott sei Dank gut verlaufen. Nun stand er womöglich vor einer weiteren, schwierigen OP.
Heute, 15 Jahre später, unterhalten wir uns zum ersten Mal wirklich intensiv darüber. Wir sitzen in einem Freibad, morgens um 8. Die Fotos sind bereits im Kasten. Und ich frage ihn, was ich eigentlich mich selbst die ganze Zeit frage: „Wieso habe ich dich damals nicht besucht? Ich war nicht im Krankenhaus. Ich hätte doch für dich da sein müssen!“

Dominik: „Nein! Ich wollte damals Niemanden sehen. Es war allgemein eine schwierige Zeit. Ich war schwierig!“

Ich hänge ein wenig meinen Gedanken nach. Wir haben uns immer gut verstanden – mein kleiner Bruder und ich. Es spielte nie eine Rolle, dass wir nicht blutsverwand sind. Aber es gab tatsächlich eine Zeit, in der wir uns kaum begegnet sind. Jeder hatte sein eigenes Leben und war mit sich beschäftigt.

Sylvia: „Was genau ist eigentlich passiert? Es war ja ein Badeunfall …“

Dominik: „Ja. … Ja und nein! Eigentlich hatte ich 2 Unfälle an diesem Tag. Am Nachmittag hab ich mich mit einer ganzen Reihe Kumpels im Freibad unseres Dorfes getroffen. Erst waren wir mit unseren Motorrädern unterwegs. Alte Kisten. Wir haben damals viel Scheiß gemacht. Wir sind mit den alten Karren über die Äcker geheizt. Plötzlich ist mir das Getriebe zerflogen, die Maschine hat mich abgeworfen. Als ich wieder aufstand, hatte ich ein wenig Schmerzen – Schultern, Arme, Beine. So, wie es sich halt anfühlt, wenn man gerade vom Motorrad geflogen ist. Möglicherweise habe ich mir schon da den C5 und C6 zertrümmert.
Später sind wir dann noch eine Runde baden gegangen. Ich erinnere mich noch, wie ein Kumpel vor mir ins Wasser sprang und sich den Kopf hielt, als er wieder raus kam. Er meinte, er hätte sich den Kopf angestoßen. Genau in diesem Moment muss ich wohl abgesprungen sein. Da hab ich eine kleine Erinnerungslücke. Ich erinnere mich noch, wie ich aufgetaucht bin und mir den Kopf gehalten hab. Ich hatte eine 13cm große Platzwunde oben auf dem Kopf. Ich hab geschrien: „Träum ich, oder hab ich mir den Kopf aufgeschlagen?“ Meine Kumpels halfen mir raus aus dem Wasser, haben mich hingelegt und zugedeckt und sofort den Notarzt gerufen. Der Notarzt – der gefühlt eine halbe Stunde gebraucht hat – hat den Hals dann stabilisiert, denn er vermutete schon, dass die Platzwunde nicht mein einziges Problem war. Da zu dem Zeitpunkt alle Hubschrauber bei einem großen Unfall im Einsatz waren, wurde ich mit dem Krankenwagen im Schritttempo nach Apolda gefahren. Die haben mich geröntgt und festgestellt, dass ich mir das Genick gebrochen hatte. Sie wollten sofort operieren. Da ich damals Bundeswehrangehöriger war, durften sie aber nicht einfach Hand anlegen. Ich habe mich geweigert und darauf bestanden, in eine Spezialklinik zu kommen. Die Bundeswehr hat dann einen Helikopter geschickt, der mich nach Bad Berka gebracht hat. Die hatten zu dem Zeitpunkt einen Spezialisten dort – El Shakira. Er hatte gerade seinen letzten Tag dort und hat sich für mich nochmal den Kittel übergeworfen. An die Ankunft in Bad Berka erinner ich mich noch dunkel. Sie hatten mir bereits unterwegs Mittel verabreicht und ich erinner mich nur noch, wie wir vor der Tür hielten. Sie haben mich wohl direkt in den OP gefahren. Als ich wach wurde, kam der Arzt zu mir und meinte, die OP sei gut verlaufen.
So weit so gut. Aber das war noch lange nicht das Ende der Geschichte. Denn dann kam der Arzt ohne Umschweife zur Sache: „Herr D., wir wollen Sie nochmal röntgen. Irgendwas stimmt da nicht. Ganz ehrlich: Wir verstehen nicht, wie Sie das überleben konnten!“.
Also wurde ich 2 Stunden nach der OP nochmal geröntgt. Und tatsächlich wurde dabei festgestellt, dass ich mir auch noch den C1 zertrümmert hatte. Man nennt das eine rettende Jefferson-Fraktur.
Dass mich der Genickbruch nicht getötet hat, verdanke ich wohl tatsächlich der Zertrümmerung des C1. Mein Kopf wurde dadurch nur noch von Muskeln gehalten. Die Haltung, die ich dadurch einnahm, um den Kopf zu heben, hat die anderen Brüche entlastet.

Nun bekam ich einen harten Stifneck um den Hals, der das Ganze stabilisieren und fixieren sollte, bis der C1 soweit verknorpelt war, dass ich ohne Fixierung leben konnte. Leider brachte das nicht den gewünschten Erfolg. Nach 3 Wochen hatte sich alles so sehr verschoben, dass die Ärzte meinten: „Das wird so nix! Wir sehen, wie sich die Schädelbewegung einschränkt. Eine erneute OP wird nötig sein, wenn Sie nicht in 5 Jahren völlig steif und arbeitsunfähig sein wollen.“
Das war für mich die schwerste Entscheidung, die ich treffen musste. Wollte ich die OP machen lassen, oder nicht. Im Grunde gab es nur 3 Möglichkeiten: 1.: Ich wache überhaupt nicht mehr auf. 2.: Ich wache auf und bin gelähmt. Oder 3.: Die OP klappt und ich kann mich auch in Zukunft bewegen.

Nun ja, wie du siehst: Ich lebe und ich kann mich bewegen. Die OP verlief dann zwar doch anders, als geplant, aber immerhin wurde mein Bewegungsradius durch die OP deutlich erweitert. Heute kann ich eigentlich alles machen, was ich möchte und lebe (inzwischen) sehr gut ohne Schmerzmittel. Nur ganz selten merke ich es noch, wenn ich zur Ruhe komme.“

Ich atme tief durch.
Ich möchte mir nicht ausmalen, wie anders es hätte ausgehen können. Die Ärzte haben damals zu ihm gesagt, einen Fall wie seinen hätten sie einmal in 20 Jahren.
Ich bin froh, dass er dieser eine Fall ist. Er würde mir so sehr fehlen! Heute, 15 Jahre später, ist es für mich eines der größten Wunder. Und ich bin unendlich dankbar für alle Momente und Begegnungen, die wir seitdem hatten.






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