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#20 - Kraftquelle

TRIGGERWARNUNG!
Auch an dieser Stelle wieder die leider nötige Triggerwarnung. In diesem Post geht es um selbstverletztendes Verhalten und Suizid. Wenn Dich diese Themen triggern, verlass zum Selbstschutz bitte diese Seite.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr für Dich erreichbar: 0800-1110111

NAME: Melissa
zu finden unter: missichen
DIAGNOSE: Borderline, Depressionen, Esstörung

Sylvia: Melissa „kenne“ ich schon seit einigen Jahren. Wir waren eine zeitlang im Designteam bei einem namenhaften Stoffhersteller. Melissa fiel immer auf. Ihre unfassbare Kreativität und ihr künstlerisches Talent fiel Jedem ins Auge. Für ihre Nähmalerei erntete sie viel Applaus. Viele Näherinnen wünschten sich, so talentiert wie sie zu sein. Irgendwann postete sie ein Bild, auf dem ihre verletzten Arme zu sehen waren. Ich erinnere mich noch, wie die ganze Bandbreite an Kommentaren unter ihrem Post Platz fand: Während die Einen ihr Mut zusprachen, traf sie bei Anderen auf völliges Unverständnis. Auch Mitleid war dabei. Im Zuge meines Projektes kamen wir dann näher darüber ins Gespräch und es war schon lange klar, dass Melissa am Foto-Projekt teilnehmen würde. Nun endlich, diesen Sommer im Zuge meiner Hamburg-Tour, konnte ich Melissa in Kassel von Angsicht zu Angesicht kennen lernen.
Sie ist eine zauberhafte, unglaublich zerbrechliche und mit viel Talent gesegnete junge Frau!
Bei unserem Shooting wurden wir unerwartet reich beschenkt. An unserem vereinbarten Shooting-Platz gastierte eine Schafherde. Warum das perfekt zu Melissa passt, könnt ihr aus ihrer Erzählung erfahren:

Melissa: Viele Jahre dachte ich, dass meine Krankheit begonnen hat, als meine Oma und meine Mama 2011 an Krebs erkrankt sind. Ich war damals 15 und habe mich in dieser Zeit viel um meine kleine Schwester gekümmert. Aber auch meine Oma, die immer schwächer wurde, habe ich mehr und mehr versorgt. Bis sie letztlich im Sommer 2012 gestorben ist. Ich bin während dieser Zeit in eine schwere Essstörung gerutscht, aus der ich bis heute, 11 Jahre später, noch immer keinen Ausweg gefunden habe. Doch mittlerweile weiß ich, dass zu der Krankheit so viel mehr beigetragen hat. Die Trennung meiner Eltern hat auch eine große Rolle gespielt, neue Lebenspartner und Familien, falsche Freunde, Leistungsdruck und mein eigener Perfektionismus haben dort ebenfalls reingespielt. Es folgten mehrere Klinikaufenthalte, jedoch ohne Erfolg. Ich hatte einfach zu wenig Krankheitseinsicht und habe die Hilfe, die mir geboten wurde, schlichtweg nicht angenommen. Es kamen noch eine schwere Depression und selbstverletzendes Verhalten dazu. Ich bin von zu Hause ausgezogen in eine andere Stadt, habe dort ein Studium gefunden und versucht wieder einen Weg in ein normales Leben zu finden. Doch das ist mir nicht gelungen. Zu stark war die Krankheit in all den Jahren geworden und so kam es, dass ich eines Tages so verzweifelt war, dass alles so perspektivlos schien und ich zum ersten Mal versucht habe, mir das Leben zu nehmen. Ich kam in die geschlossene Psychiatrie und erhielt die Diagnose Borderline. Für mich ein ziemlicher Schock und eine Diagnose, gegen die ich mich lange Zeit gewehrt habe, denn mit Borderline ist man schnell abgestempelt. Man gilt als verrückt, manipulativ, nicht therapierbar. 

Erst als ich wenige Jahre später einen zweiten Suizidversuch hatte, den ich nur knapp überlebte, habe ich begonnen, mich mit dieser Krankheit auseinanderzusetzen. Ich habe Parallelen gesehen. Ich habe mich wiedererkannt. So vieles hat plötzlich endlich Sinn ergeben. Ich habe viel zu dem Thema gelesen und nach und nach für mich gelernt diese Krankheit anzunehmen. Ich glaube das war auf meiner Reise ein sehr wichtiger Wendepunkt, denn nur wenn ich akzeptiere, dass diese Problematik da ist, kann ich auch aktiv gegen sie ankämpfen. Ich bin vor knapp 3 Jahren von zu Hause ausgezogen. Viele hunderte Kilometer weit weg in eine betreute Wohngruppe. Diese hat mir sehr geholfen. Sie hat es mir ermöglicht, wieder in ein normaleres und gesünderes Leben zurückzufinden. Mein Gewicht nach so vielen Krisen zu stabilisieren. Das Essen neu zu erlernen. Ich wusste gar nicht mehr, was normal ist. Was normale Portionsgrößen und Mengen sind. Jahrelang gab es nur die Essstörung und mich, da habe ich verlernt, was normal ist.
Ich lebe heute noch immer im betreuten Wohnen, aber mittlerweile ein wenig freier. Mit weniger Betreuung und Unterstützung. Noch immer kämpfe ich jeden Tag gegen eine Krankheit, die in all den Jahren so mächtig geworden ist und für viele Jahre mein ganzes Leben bestimmt hat. Ich glaube, ich werde niemals wieder ein gesundes Leben führen, aber ich wünsche mir ein Leben, in dem ich die Krankheit im Griff habe und nicht die Krankheit mich.

Etwas, das mich all die Jahre durch die Krankheit getragen und begleitet hat, ist meine große Liebe und Leidenschaft: Handarbeit. Ich liebe es, zu nähen und zu stricken oder generell kreativ zu sein. Da habe ich das Gefühl, dass ich etwas in der Hand habe, dass ich etwas Eigenes schaffen kann, dass ich etwas gut mache, dass ich etwas hinbekomme. Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht nähe oder stricke. Beides ist für mich wie eine Art Therapie geworden und ohne mein Hobby wären all die Jahre sicher noch viel viel dunkler gewesen.

Sylvia: Wie geht es Dir mit Deinen Narben?

Melissa: Ich mag meine Narben nicht. Ich schäme mich sehr dafür und versuche im „echten“ Leben möglichst wenig davon zu zeigen. Wenn man sich Verletzungen selbst zufügt, ist das Unverständnis in der Gesellschaft sehr groß. Fehlendes Wissen führt oft zu Verurteilungen und Vorurteilen. Menschen verstehen nicht, wie man sowas tun kann. Sätze wie: „Aber das sieht doch nicht schön aus“ oder „aber die Narben wirst du doch nie wieder los“ bestimmen meinen Alltag. Blicke von anderen Menschen sind an der Tagesordnung. Teilweise hatte ich sogar Ärzte, die Wunden ohne Betäubung wieder zugenäht haben, weil sie der Meinung waren, „das müsse ich schon aushalten, wenn ich mir doch sowieso selbst Verletzungen zufüge“.

Sylvia: Wie reagieren andere Menschen auf Deine Narben?

Melissa: Die meisten Menschen gucken. Sie sehen die Narben und gucken sie genau an. Und dann gucken sie mich an. Von oben bis unten. Ich hasse diese Momente. Ich schäme mich und fühle mich schwach. Am liebsten würde ich mich einfach für immer verstecken. Aber langsam lerne ich zu akzeptieren,
dass sie nun einmal zu mir dazu gehören. Dass ich sie nicht mehr wegkriege und dass ich dennoch ok bin, wie ich bin. Meine Mitbewohnerinnen, die selbst Narben tragen, helfen mir dabei sehr. Da ist man nicht allein und kann die Blicke der Menschen gemeinsam aushalten. Dafür bin ich sehr dankbar!

Sylvia: Was möchtest Du den Menschen für Ihr Leben mit auf den Weg geben?

Melissa: Du bist wunderschön und gut so, wie du bist. Mit all deinen Ecken und Kanten. Mit all dem, was dich ausmacht und Teil von dir ist. Und du hast es nicht nur verdient zu leben, sondern auch glücklich zu sein! Also tu mehr von dem, was dich glücklich macht!