Genug für ein Leben“, fällt mir ein, wenn ich an Lisa denke. Dieser Ausspruch bringt es wirklich auf den Punkt.
Denn Lisa bringt nicht EINE große Geschichte mit, sondern gleich VIER!
NAME: Lisa
ALTER bei Tumor-OP: 26 Jahre
DIAGNOSE: Tumor während der Schwangerschaft (Insulinom), Gallenblasen-Not-OP, Blutvergiftung (Sepsis) und Verlust eines Babies
2015:
Lisa: Ein volles Wochenende lag hinter mir und dann startete die neue Woche mit einem Arztbesuch. Ich habe erfahren, dass ich schwanger bin. Es war ein wundervoller Tag und ich hätte mir keinen besseren Wochenstart ausdenken können. Am Dienstag war ich wieder am arbeiten, merkte aber, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Einen Moment später bin ich zusammengebrochen. Eine Kollegin wählte sofort den Notruf.
Der Notdienst kam und hat wie bei Jedem, der umfällt, erst einmal den Zuckerwert gemessen. Der lag nur noch bei 21. Ein normaler Wert liegt zwischen 90 und 120. Somit war klar, dass ich so schnell wie möglich ins nächste Krankenhaus musste. Auf dem Weg dorthin haben sie mir eine Zuckerlösung verabreicht. Normalerweise schnellt der Wert dann nach oben. Bei mir ist er aber nur ganz langsam auf 28 geklettert. Also irgendwas war da dramatisch verkehrt. In der Notaufnahme hat der erste Arzt gleich die Vermutung eines Tumors geäußert: ein Insulinom. Dieser Tumor produziert Insulin und sorgt somit dafür, dass übermäßig viel Zucker abgebaut wird. Das ist nur gar nicht so einfach zu diagnostizieren, wenn du schwanger bist, da man ganz viele Tests nicht machen darf. Also wurde erst mal versucht, nur die Symptome zu behandeln.
Der Tumor war allerdings nicht sehr willig, mitzumachen. Dass mein Zuckerwert extrem niedrig war, habe ich immer erst ab einem Wert von unter 50 gemerkt. Dann hatte ich Probleme mit dem Sprechen. Ich musste also lernen, die Signale meines Körpers wahrzunehmen. Einer der Ärzte der Uniklinik Essen, in die ich verlegt wurde, erklärte mir später, dass Leute, wenn sie unter einen Wert von 30 fallen, oft ins Koma fallen und nicht wieder aufwachen.
In Essen haben die Ärzte dann einen Weg gefunden, wie sie eine Diagnose machen konnten. Eine Art Magenspiegelung. Der Tumor wurde gefunden. Der war erst mal nur einen Zentimeter groß, konnte aber wegen des Babies in dem Moment nicht entnommen werden. Im Krankenhaus bekam ich eine Dauerzuckerinfusion. Dabei fangen aber die Venen nach und nach an, zu verkleben und die Zugänge funktionieren nicht mehr. Irgendwann funktionierte das also auch nicht mehr. Nun gab es nur noch die Möglichkeit, Anfang des 2. Schwangerschafts-Trimesters zu operieren. Allerdings konnte man nicht sagen, wie es für das Kind ausgeht.
Am Osterdienstag kamen alle Spezialisten der Uniklinik zusammen und haben mich operiert. Ich war die Nummer 15 weltweit, bei der dieser Tumor in Kombination mit einer Schwangerschaft operiert werden musste. Davon habe ich die große Narbe, die sich quer über meinen Bauch zieht. Das Loch, dieser Krater hier, rührt vom Katheter her, der mich noch viele Wochen nach der OP begleitet hat. Normalerweise wird bei einer Bauch-OP eine Bauchspülung gemacht. Das konnte aufgrund meiner Schwangerschaft nicht gemacht werden. So mussten die ganzen Bauchsäfte, Wundflüssigkeit usw. anderweitig abgeführt werden.
Unsere Tochter hat die OP gut überstanden und macht uns heute sehr viel Freude!
2016:
Lisa: Die Narbe musste noch einmal geöffnet werden, da ich wahnsinnige Schmerzen hatte und mich wieder und wieder übergeben musste. Im dritten Krankenhaus wurde endlich festgestellt, dass ich einen Gallenstein hatte, der zu Gallenkoliken führte. Leider war die Entzündung durch das Nichterkennen der ersten beiden Krankenhäuser so weit fortgeschritten, dass nur noch eine Not-OP und die Entfernung der Gallenblase half.
Da die Bauchnarbe schon da war, wurde diese nochmal geöffnet und die Bauchmuskeln konnten aufgrund der nicht mehr vorhandenen Schwangerschaft dann auch besser zusammengenäht werden.
Sylvia: Spielt die Narbe im Alltag eine Rolle?
Lisa: Ich habe weniger Stabilität im Oberkörper und kann mich nicht richtig gerade halten. Und die Kinder reagieren natürlich darauf. Ich muss schmunzeln, wenn sie sagen: „Du hast 2 Bauchnabel“, weil es irgendwie eine liebevolle Beschreibung ist für das, was man heute sieht und was der Bauch schon alles mitgemacht hat.
2023:
Sylvia: Nun hast Du auch noch ein „gestaltetes Bein“?!
Lisa: Ja, eigentlich lag eine tolle Woche hinter mir. Ich hatte für meine neue Ausbildung zur Bauzeichnerin die Möglichkeit, neue Häuser anzuschauen, in denen neue Technologie verbaut wurde. Vor der Hausbesichtigung hab ich gemerkt, dass es mir plötzlich nicht mehr gut geht. Es fühlte sich an, als würde eine riesige Tsunamiwelle auf mich zukommen. Ich bin direkt nach Hause gegangen und hab mich hingelegt. In der Nacht ist mein Bein fast auf das Doppelte angeschwollen. Am Morgen, als ich ins Bad wollte, bin ich kollabiert. Wieder war der Notarzt da und hat mich mitgenommen. Durch Tests und Fragen wurde schon während der Fahrt versucht, die Ursache zu finden … Verschiedene Marker wiesen auf eine Sepsis hin – eine Blutvergiftung. So kam ich auf die Intensivstation in Buxtehude.
Insgesamt mussten 6 Operationen durchgeführt werden, von denen ich 4 Schnitte am Bein habe. Dies war nötig um mein Bein und mein Leben zu retten.
Sylvia: Kann man sagen, wie es zu dieser Blutvergiftung kam? Hattest Du Dich irgendwie verletzt?
Lisa: In meinen Entzündungen konnten Bakterien nachgewiesen werden, die eigentlich in einem anderen Bereich des Körpers vorkommen. So ist es in meinem Fall sehr wahrscheinlich, dass sie per Tröpfcheninfektion in meinen Körper gelangt sind, dann in die Blutbahn kamen und von dort an einer „gemütlichen“ Stelle angedockt haben. Mittlerweile weiß ich, dass etwa ein Drittel aller Sepsen per Tröpfcheninfektion ausgelöst werden.
Sylvia: In wie weit haben dich all diese Erlebnisse verändert?
Lisa: Es hat mir bewusster gemacht, wie endlich das Leben ist und dass es überhaupt keine Selbstverständlichkeit ist, dass man gesund ist. Und ich habe gelernt, um Hilfe zu bitten, wenn ich welche brauche.
Ich bin fast am Gehen, da eröffnet mir Lisa, dass es noch eine vierte Geschichte gibt.
2017:
Lisa hat Ihren Sohn Mateo in der 24. Schwangerschaftswoche verloren.
Lisa: Das war der Punkt, wo ich gedacht habe: Gibt´s eigentlich auch mal wieder ein gutes Jahr? Einfach ein bisschen Normalität?
Sylvia: Was ist passiert?
Lisa: Die Fruchtblase ist ganz einfach geplatzt. Der Notdienst, der damals kam, hat leider falsch reagiert. Sie haben sich geweigert, mich mit der Trage zum Rettungswagen zu tragen. Das wäre natürlich auch eine echte Herausforderung gewesen. Unser Schlafzimmer lag damals im dritten Stock ohne Aufzug. Aber sie haben mich laufen lassen. Ich habe mehrmals nachgefragt, ob das auch wirklich richtig ist. “Ja, alles richtig.” Also bin ich gelaufen. Und dann war natürlich kein Fruchtwasser mehr da. Ohne Fruchtwasser hat sich auch die Spezialklinik nicht mehr bereit erklärt, mich aufzunehmen. Die normale Klinik hat gemeint, dass sie sowieso nichts mehr tun können. Also musste er geboren werden. Die Geburt wurde eingeleitet. In dem Moment bist Du so unter Schock angesichts der dramatischen Situation. Wie viel da falsch gelaufen ist, wird einem erst im Nachhinein bewusst. Mit etwas Fruchtwasser hätte man Zeit gewinnen können. In der 24. Woche hätte man auch die Lungenreife durchführen können. Hätte, hätte … Alle Gedanken darum bringen mir mein Kind nicht zurück.
Und dann kam erst die wirklich schlimme Zeit, denn in der 24. SSW wusste natürlich Jeder, dass ich schwanger war. Und dann plötzlich nicht mehr – und ich hatte auch kein Kind bei mir. Natürlich wurde ich von Allen gefragt und darauf angesprochen und musste mich wieder und wieder erklären und alles durchleben und durchleiden.
Wichtig und hilfreich war für mich, dass auch bei einer Totgeburt dir die ganze Mutterschutzzeit gewährt wird. Diese Zeit habe ich gebraucht, um auch nur annähernd wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Und auch unsere Tochter, die wir ja schon hatten, hat mir gutgetan. Das Leben musste weiter gehen, ob ich wollte oder nicht.
Wenn ich mir heute eine Sache wünschen könnte, dann wäre das direktere Hilfe bei dem, was danach als „verwaiste Eltern“ auf dich zukommt. Bessere Informationen. Mateo hatte gerade so viel Gramm, dass er beerdigt werden musste. Da gab es Sammelbeerdigungen, wo gleichzeitig mehrere Kinder beerdigt wurden. Uns wurde der Termin aber vorher nicht gesagt. Wir mussten fast ein halbes Jahr warten. Irgendwann habe ich im Krankenhaus angerufen und nachgefragt, wann es denn nun endlich so weit ist. Ja, in der kommenden Woche! Von anderen Eltern habe ich erfahren, dass sie erst 2 Tage vorher Bescheid gekriegt haben und dann der Arbeitgeber nicht mal mehr frei gegeben hat. Sowas geht nicht! Man hat doch schon genug zu tragen mit dem Verlust!
Sylvia: Darf ich Dich das fragen: Hast Du einen Todeszeitpunkt? Kannst Du sagen, „in diesem Moment ist Mateo gestorben“?
Lisa: Ich kann es nicht genau sagen, die Geräte wurden bewusst ausgestellt unter der Geburt. Es hätte auch am Ausgang nichts geändert. Es gab eigentlich nur die Wahl, Schmerzmittel zu nehmen oder eben keine zu nehmen, um die Geburt bewusster zu durchleben. Aber im Grunde ist man in der Situation einfach nur überfordert mit jeder Frage und jeder Entscheidung, weil der Schock so schwer wiegt. Und bis heute gibt es immer wieder diese Wellen, wo nichts mehr geht und man von der Trauer überwältigt wird.
Sylvia: Habt ihr Fotos? Es gibt ja Sternenfotografen, die ins Krankenhaus kommen …
Lisa: Es war kein Fotograf bei uns. Aber wir haben selbst Bilder gemacht. Ich finde das wichtig. Du brauchst diese Erinnerungen. Etwas, woran Du Dich festhalten kannst. Wir gehen auch sehr offen in der Familie damit um. Die Kinder wissen von Mateo, wir reden über ihn, sie kennen die Geschichte. Sie haben sich zum Beispiel auch gewünscht, dass er im Freundebuch mit gemalt wird. Dann eben mit Flügeln – wie ein Engel. An seinem Geburtstag denken wir natürlich auch besonders an ihn, singen Happy Birthday … Er ist ein Teil von uns und die Erinnerung und der Schmerz werden uns unser Leben lang mehr als jede andere Narbe begleiten.