#08 - Das zweite Leben


Diesen Tag werde ich nie vergessen. Mein Mann und ich sind frisch verheiratet. Gerade sind wir in den Flitterwochen in Portugal. Nach einem wundervollen 2-Tagestrip nach Lissabon sind wir nun auf dem Rückweg zu unserem Hotel. Jan´s Handy klingelt. Unsere Schwägerin ist dran. An den wenigen Fetzen, die ich höre, kann ich erahnen, dass etwas Schlimmes passiert ist. Mein Schwiegerpapa hatte einen schweren Herzinfarkt. Er wurde ins Künstliche Koma gelegt. Der Ausgang ist ungewiss. Viele Telefonate werden an diesem Abend geführt, Flüge umgebucht. Am nächsten Tag können wir Portugal verlassen. Wir hoffen so sehr, dass wir meinen Schwiegerpapa noch lebend antreffen …

NAME: Walter
OP-ALTER: 60 Jahre
DIAGNOSE: Herzinfarkt und Herztransplantation

In Deutschland angekommen dürfen wir Walter auf der Intensivstation besuchen. Zig Kabel hängen an ihm dran, er wird beatmet, Monitore piepsen permanent. Meine Schwiegermama erzählt uns, was passiert ist. Es ging ihm schon ein paar Tage nicht gut. Er war matt und müde, hatte zeitweise Schmerzen im Oberbauchbereich. Am Montagabend wollte er wie immer zum Sport gehen. Doch er fühlte sich nicht gut, verließ die Sportgruppe und ging zum Duschen. Einige Zeit später wollten seine Kameraden nach ihm schauen und fanden ihn bewusstlos. Sofort begannen sie, erste Hilfe zu leisten. Herzdruckmassage und Beatmung durch die Nase, außerdem wurden seine Frau und ein Notarzt herbeigerufen. Mit dem Krankenwagen ging es so schnell wie möglich ins Krankenhaus nach Bad Friedrichshall. Ein Stent wurde ihm eingesetzt, um die Blutgefäße offen zu halten, damit das Blut ungehindert fließen konnte.

Plötzlich dann der nächste Schock: Der Stent hat sich wieder verschlossen, Walter bekommt einen zweiten schweren Herzinfarkt, der große Teile seines Herzens irreparabel zerstört. Die Ärzte vor Ort können ihm aufgrund eines defekten Gerätes nicht ausreichend helfen. So muss er in seinem schlimmen Zustand nach Heilbronn verlegt werden. Niemand weiß, ob er den Transport überlebt. Die Hoffnung, dass er je wieder „der Alte“ wird schwindet von Minute zu Minute.
6 Wochen lang gehen wir ihn regelmäßig besuchen, hoffen auf ein Fünkchen Besserung. Bis eines Tages die Ärzte es wagen, ihn langsam zurück ins Leben zu holen. Es dauert etliche Tage, bis Walter die Augen öffnet und ansprechbar ist.

Sylvia: Walter, Du lagst 6 Wochen im Koma. Was ist das Erste, an das Du Dich erinnerst?

Walter: Meine erste Erinnerung nach dem Aufwachen ist, dass mich meine Frau fragte, ob ich weiß, wo ich bin und was geschehen ist. Statt zu antworten musste ich feststellen, dass ich nicht sprechen konnte. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch an den Beatmungsschlauch angeschlossen. Ich wollte etwas zum Schreiben haben, aber zu meinem großen Entsetzen musste ich feststellen, dass mir meine Hände nicht gehorchten. Schreiben war also auch nicht möglich. Sehr schnell bin ich wieder müde geworden und weggedämmert. Das nächste, an das ich mich erinnern kann, ist die Frage des Oberarztes, ob ich damit einverstanden wäre, wenn ich zur Reha nach Bad Neustadt geschickt würde. Er könne von dort nur Gutes berichten. Dies sollte sehr schnell gehen, zeitlich weiß ich nicht mehr ein, zwei Tage. Glücklicherweise habe ich in dieser Zeit gelernt, trotz Beatmungsschlauch leidlich zu sprechen.

Walter: In der Reha ist die ersten zwei Wochen nichts passiert. Erst nach 2 Wochen habe ich mit der Hilfe eines Physiotherapeuten und angeschnallt in einem Gestell angefangen, das Laufen wieder zu erlernen. Meine Muskeln waren alle wie Brei. Keine Kraft, kein Gleichgewicht, alles fort. In den Folgetagen wurde es dann schnell besser und ich konnte mich bald wieder frei bewegen, wenn auch langsam und kraftlos. Mit leichtem Sport am Ergometerfahrrad und mit Reaktionsübungen am Computer ging es langsam aufwärts, bis ich in die nächste Abteilung verlegt werden konnte.
Über viele Wochen versuchte ich mit leichtem Kraftsport, Bewegungs-Koordination, Gleichgewichts- und Reaktionsübungen wieder auf die Beine zu kommen. Tätigkeiten wie Korbflechten und Specksteinschneiden halfen meiner Motorik in den Fingern. Müde war ich danach immer, ob Sport, Koordination oder Handwerk – oft bin ich nach den Tätigkeiten auf dem Zimmer eingeschlafen.
Mein größter Wunsch zu dieser Zeit war es, an Weihnachten zu Hause zu sein.
Meine Frau Brigitte hat mich zwar dreimal die Woche besucht (ich bin ihr sehr dankbar dafür), manchmal hat sie in Bad Neustadt übernachtet, um am anderen Tag wieder bei mir sein zu können. Aber zuhause ist es doch noch viel besser.
Am 19. Dez. 2008 durfte ich wieder nach Hause. Viel machen konnte ich nicht, kraftlos wie ich war. Das Treppensteigen (eine Treppe) in die Wohnung fiel mir schwer, am Stück war es nicht zu schaffen. Kleine Wanderungen auf dem Waldweg Richtung Waldsee waren das höchste der Gefühle, danach wieder abhängen. Kleine Besserungen traten ein, ich traute mich wieder, alleine Auto zu fahren und alles fiel ein wenig leichter, aber ein wirklicher Fortschritt war nicht ersichtlich. Ich musste zusehen, wie Brigitte den Rasen mähte und die Gartenarbeit verrichtete, während ich im Sessel hing – schrecklich.
Manchmal hatte ich grundlos Atemnot, was mich sehr deprimierte. Ende Januar 2009 wurde mir ein Defibrillator eingesetzt- zur Sicherheit. Die Schädigung des Herzens war zu groß, als dass eine Besserung und problemlose Entwicklung zu erwarten war.

Sylvia: Die Narbe auf den Fotos stammt aber nicht von deinem Herzinfarkt – die Geschichte geht nämlich noch weiter. Wie kam es dazu?

Walter: Nachdem keinerlei Besserung eintrat, riet mir mein Hausarzt, mich wegen einer Herztransplantation beraten zu lassen. So stellte ich mich in der Uniklinik Heidelberg vor. Sehr schnell war klar, dass ich für eine Transplantation in Frage käme. Im April wurde ich zu den entsprechenden Voruntersuchungen in der Klinik aufgenommen. Und nun stellte sich heraus, dass ich sogar ein Hochdringlichkeitsfall war. Man schickte mich mit der Bemerkung nach Hause: Regeln sie ihre Angelegenheiten und kommen Sie am 2. Mai wieder zu uns.
Und von diesem Tag an war ich in der Klinik. Nun hieß es warten. Wöchentlich wurde eine Kathederuntersuchung über die Leiste gemacht. Über einen Zentralkatheder wurde laufend ein Herzstärkungsmittel zugeführt. Trotz dieser Stärkungsmittel wurde ich schwächer und lag die meiste Zeit auf dem Bett. Angst hatte ich keine vor der Transplantation. Aber es waren lange Wochen des Wartens.

Sylvia: Ich werde diese Zeit niemals vergessen. Jan und ich erwarteten unser erstes Kind. Wir wollten uns überraschen lassen, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird. Aber wir wussten ja nicht, ob Du unser Kind je kennenlernen würdest. Deshalb bat ich meine Frauenärztin, das Geschlecht des Kindes für dich auf einen Zettel zu schreiben und in einem Umschlag zu verschließen.

Walter: Ja, Brigitte gab mir den Umschlag mit den Worten: Bevor du in den OP fährst, schaust du da rein – als Motivation. Sie hatte kaum die Klinik verlassen, da wusste ich schon, was es wird. (lacht) Mich hat das unheimlich gefreut und es hat mir Kraft gegeben. Ich wollte mein zweites Enkelkind unbedingt kennenlernen! Aber auch die Besuche meiner Brigitte haben mir unheimlich Kraft gegeben. Sie arbeitete ja selbst noch, kümmerte sich um Haus und Garten und kam trotzdem mehrmals die Woche zu mir ins Krankenhaus! Sie ist eine unglaublich tolle und starke Frau!

Am 2. Juli 2010 feierte ich meinem 60. Geburtstag in der Uniklinik Heidelberg. Meine Frau hatte Sauerbraten und selbstgemachte Spätzle zum Essen mitgebracht, eine Wohltat nach dem Krankenhausessen. Mir hing das Essen zum Hals heraus. Am Sonntag 11. Juli durfte ich auf Veranlassung der Stationsärztin mit Brigitte für zwei Stunden das Krankenhaus verlassen, um im Park spazieren zu fahren (ich war im Rollstuhl). Die Ärztin hat uns extra ein Notfalltelefon mitgegeben, da sie auf eigene Faust gehandelt hat. Im Nachhinein glaube ich, dass sie damals bereits wusste, dass meine Transplantation bevorstand. In der Nacht vom 12. auf den 13.7 wurde ich geweckt. Es stand ein Herz zur Verfügung und ich sollte mich kurzfristig entscheiden. Ich habe Brigitte angerufen und ihr das mitgeteilt und dem Arzt umgehend zugesagt, dass ich bereit wäre.
Die Transplantation verlief problemlos, schon nach drei Tagen konnte ich das Bett kurzzeitig verlassen. Schnell wurden Fortschritte in meiner Kraft und dem Allgemeinzustand sichtbar. Nach ca 4 Wochen folgte die Reha. Hier konnte ich wieder Kraft und Ausdauer trainieren. Alles verlief ziemlich glatt und viel besser als erwartet.

Sylvia: 10 Jahre ist Walters Herztransplantation jetzt her. So eine lange Zeit, für die wir alle sehr dankbar sind. So viele schöne Stunden durfte ich mit meinem Schwiegerpapa verbringen, weil Menschen dazu bereit waren, etwas zu geben ohne dafür etwas zu fordern. Aus tiefstem Herzen möchte ich den Menschen danken, die im Moment der Not und des Todes bereit waren, einem anderen, fremden Menschen das Leben zu ermöglichen! Danke!

Heute feiern meine Schwiegereltern ihre Goldene Hochzeit! In diesem Jahr wird Walter 70 Jahre. Nach seiner Transplantation kamen noch drei Enkel dazu. All das wäre ohne diese fremde Hilfe nicht möglich gewesen. Seit Walters Herzinfarkt habe auch ich einen Organspendeausweis in meinem Geldbeutel. Und du?







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